• futterfürdieseele

6. Woche: Umzingelt von Leben

Frei sein und atmen.

 

Ich muss mich ergeben

von Giannina Wedde


Immer wieder begreifen,

dass das Leben nicht endet.


Dass die Kronen der Bäume im Himmel wurzeln

und die Erde über ihren Köpfen tragen.


Dass ein Tropfen ein All ist,

nicht nur für die Grünalge und den Wasserfloh,

auch für das staunende Kind

und den Vers einer Dichterin.


Mich erinnern,

dass die Walnuss Kammern hat

wie das menschliche Herz

und darin ein Geheimnis.


Dass manche Spore mit zweihunderttausendfacher

Erdbeschleunigung an ihr erwähltes Ziel gelangt,

während ich schlafe und träume zu laufen,

ohne mich fortzubewegen.


Mir vergegenwärtigen,

dass der Kuss der Mutter auf der Stirn

des Kindes die Zeit überdauert

und ein Wort mehr wärmt als ein knisterndes Feuer.


Dass ich durch jedes Tor,

auch durch das Auge der Blaumeise

und durch den Abgrund der Enttäuschung

in neue Welten eintreten kann.


Schon legt der Frühling einen bunten Kranz

aus Blüten auf das Grab des Winters.


Schon fängt die Spinne die Sonne

in ihrem ersten Netz.


Auf der alten Fichte verjagt ein Eichhörnchen

seinen Schatten und all meine Müdigkeit.


Ich bin umzingelt von Leben.

Ich muss mich ergeben.


Entnommen aus:

In winterweißer Stille, S. 186 © Vier-Türme GmbH, Verlag, 2021


 

Einblicke

von Michaele Althapp


„Ich bin umzingelt von Leben“. Wie passt eine solche Aussage aus dem Gedicht von Giannina Wedde zu einem Fastenimpuls, der aus dem Kontext eines Hospizes kommt?


Wer zum ersten Mal das Hospiz Fanny de la Roche im Lichtenplattenweg in Offenbach betritt, zeigt sich überrascht: helle farbige, freundliche Räume, das ganze Haus liebevoll mit Blumen und jahreszeitlicher Dekoration geschmückt, der Duft von frisch gebackenen Waffeln liegt in der Luft und manchmal wird der Besucher schwanzwedelnd freudig von Luna, einer Golden Retriever Hündin begrüßt.


Hier ist Leben, hier ist Lachen und Freude. Hier sind die Menschen vom „Leben umzingelt.“ Obwohl man von außen meinen könnte, alles drehe sich in diesem Haus nur um Sterben, Tod und Trauer, geht es hier doch vielmehr um das Leben. Auch wenn es das begrenzte Leben ist, das Leben mit Einschränkungen, Veränderungen und Schwierigkeiten – es ist Leben mit allen Facetten.


Tagtäglich setzen sich haupt- und ehrenamtliche Mitarbeiter*innen dafür ein, dass sich die Gäste das Leben, das in ihrem Rahmen noch möglich ist, vergegenwärtigen können: dass sie auf der Terrasse die Sonnenstrahlen auf der Haut spüren können; dass sie beobachten können wie das Eichhörnchen von Baum zu Baum hüpft; dass sie dem Gezwitscher der Vögel lauschen können, dass ihr Lieblingsgericht gekocht wird.


Seit ich als Hospizseelsorgerin im Hospiz arbeite habe ich viel über das Leben durch unsere Gäste lernen können. Ja, die Menschen Leben „noch“. Sie wollen das Leben „begreifen, sie wollen sich erinnern, sich vergegenwärtigen, sie wollen umzingelt sein von Leben.


Sicherlich erfahren wir im Hospiz- und Palliativbereich auch täglich, dass unser aller Leben begrenzt ist. Doch jede/r von uns muss im Alltag tagtäglich mit persönlichen, gesundheitlichen, beruflichen Grenzen leben und umgehen lernen. Wir alle haben, gerade durch die Pandemie, die Erfahrung von unterschiedlichen Aspekten begrenzter Möglichkeiten gemacht.


Diese Begrenzungen, die wir im Alltag erfahren, können uns bewusst machen was wirklich im Leben zählt. Oft sind es doch die kleinen Dinge, die es gilt wertzuschätzen und dankbar anzunehmen.


Und genau das lerne ich durch die Menschen, die ich auf dem Weg des Sterbens begleite, für mein Leben: Mich im Alltag immer wieder zu fragen, was zählt wirklich? Und kann ich Dankbarkeit als eine Qualität erfahren, die mich im Alltag trägt? Denn Dankbarkeit ändert die Blickrichtung des Herzens und lässt mich Leben bewusster erfahren.


Und das wünsche ich uns allen, dass wir lernen die Blickrichtung in unserem Leben zu verändern und immer wieder dankbar und wertschätzend auf unser und das Leben anderer zu schauen.


Ihre

Michaele Althapp,

Hospiz – und Trauerseelsorgerin im Hospiz Fanny de la Roche in Offenbach


Wer mehr über das Hospiz erfahren möchte, kann gerne auf die Homepage gehen:

Hospiz Fanny de la Roche (hospiz-fanny-de-la-roche.de)

 

Lied: "Mehr singen"

von Central Arts



 

Erklärung zum Projekt



 

Bibeltext


Kohelet 3, 1-8


1 Alles hat seine Stunde. Für jedes Geschehen unter dem Himmel gibt es eine bestimmte Zeit:


2 eine Zeit zum Gebären und eine Zeit zum Sterben, eine Zeit zum Pflanzen und eine Zeit zum Ausreißen der Pflanzen,


3 eine Zeit zum Töten und eine Zeit zum Heilen, / eine Zeit zum Niederreißen und eine Zeit zum Bauen,


4 eine Zeit zum Weinen und eine Zeit zum Lachen, eine Zeit für die Klage und eine Zeit für den Tanz;


5 eine Zeit zum Steinewerfen und eine Zeit zum Steinesammeln, eine Zeit zum Umarmen und eine Zeit, die Umarmung zu lösen,


6 eine Zeit zum Suchen und eine Zeit zum Verlieren, eine Zeit zum Behalten und eine Zeit zum Wegwerfen,


7 eine Zeit zum Zerreißen und eine Zeit zum Zusammennähen, eine Zeit zum Schweigen und eine Zeit zum Reden,


8 eine Zeit zum Lieben und eine Zeit zum Hassen, eine Zeit für den Krieg und eine Zeit für den Frieden.


 

Bildbetrachtung: "The enchanted garden of eternal youth"

Bild von Susanne Weser. Zu finden bei Instagram unter @wavyweser



Gutmütiger Rückblick

sehnsuchtsvoll entäuschenderträglich

Voller Fülle verhängnisvoller Freude

Faltenlebendig vergnügt

den Duft frischer Früchte erinnernd

wachse ich aus mir heraus


von Maria Moreth





 

@Segen_leben


Folgt uns auf Instagram!


Dort heißt unser Account @segen_leben.


Jeden Tag gibt es Stories über Gott und die Welt.


Wir freuen uns auf dich!



 

Unterstützung für die Ukraine


Der Krieg in der Ukraine macht uns weiterhin Angst und sprachlos.


Neben dem Gebet um Frieden, müssen wir auch tatkräftig die Menschen vor Ort und die Geflüchteten unterstützen.


Wir möchten aufmerksam machen auf:


Caritas International

Ukraine: Hilfe für die Leidtragenden des Kriegs (caritas-international.de)


Hessen hilft

Hessen hilft Ukraine | innen. hessen.de


 

LieD "Weisse Fahnen"

von Silbermond



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